Montag, Juli 22, 2024
Für Lilly Stoephasius ist eine Olympia-Medaille kein Traum. Foto: Marijan Murat/dpa

«Neuland» beim DOSB: Der Umgang mit olympischem Trendsport

Frankfurt/Main (dpa) – Lilly Stoephasius hält die Aufnahme von Skateboard in das olympische Programm zwar für «eine gute Idee». Die Passion für das Sportspektakel unter den fünf Ringen hat aber nicht die erste Priorität ihrer Karriere.

«Ich muss nicht zu Olympia und es ist nicht mein großer Traum, eine Medaille zu gewinnen», betont die 16 Jahre alte Olympia-Neunte. In Paris 2024 und Los Angeles 2028 möchte sie dennoch dabei sein. Die Spiele haben für die Berlinerin nicht den Stellenwert wie in klassischen Sportarten: Olympia gehöre eben nur «ein bisschen» dazu. Vorrang habe das Fahren für «professionelles Geld».  

Lifestyle-Sportarten auf dem Vormarsch

Die Lifestyle-Sportarten Skateboard, Sportklettern und Wellenreiten feierten in Tokio Premiere, Breaking wird in Paris erstmals dabei sein. Das Internationale Olympische Komitee will mehr Flexibilität und Rotation bei Sommer- wie Winterspielen, um sie attraktiver, jünger, moderner zu machen. Trends kommen und gehen, die Probleme bleiben. 

Breaking, Skateboarding und Sportklettern haben zumindest die Garantie, bis 2028 in Los Angeles am Start sein zu dürfen. Wie schnelllebig das Olympia-Dasein sein kann, erlebten Karate, Baseball und Softball, die nach dem Intermezzo in Japan wieder rausgeflogen sind. 

Für den Deutschen Olympischen Sportbund und seine Organisationen ist diese Kurzlebigkeit und die Integration der Nonkonformisten aus den Trendsportarten in klassische Verbände eine große Herausforderung. Breakdancer, Skateboarder oder Wellenreiter können mit Sport- und Förderstrukturen sowie Ehrenamtlichkeit nicht viel anfangen. Es mangelt zudem an Sportstätten wie olympiatauglichen Skateboard-Parks oder Kletteranlagen.

«Für beide Seiten ist es Neuland»

«Es sind Kulturen, die da aufeinandertreffen – für beide Seiten ist es Neuland», sagt Breaking-Bundestrainer Marco Baaden. Die unkonventionellen Breakdancer gehören formal zum Deutschen Tanzsportverband und sind in der Gemeinschaft der Liebhaber von Standardtänzen und Boogie-Woogie die Exoten. Es gebe gewisse Punkte, «an denen wir uns aneinander reiben und kräftig diskutieren», sagt Baaden. Der Verband gebe sich aber mit Blick auf Paris große Mühe: «Wir wollen natürlich etwas Großes auf die Beine stellen.» 

Nicht frei von Spannungen verlief auch im Deutschen Rollsport und Inline-Verband (DRIV) die Aufnahme der subkulturellen Sportart Skateboard, «die meist als Bewegungsform zum Zweck der Selbstverwirklichung» ausgeübt werde, wie es in einer Stellungnahme des DRIV für den Sportausschuss im Bundestag spitz formuliert ist. 

Der Deutsche Wellenreiterverband hat seit Tokio 2021 mit «Shortboarden» eine olympische Sportart und der Deutsche Alpenverein sogar zwei: Nach Sportklettern wird auch das Skibergsteigen bei den Winterspielen 2026 in Mailand und Cortina D’Ampezzo den Olympia-Einstand mit Männern, Frauen und Mixed-Staffel geben. 

«Vorübergehend Olympische Verbände»

Der DOSB hat diesen Newcomern den formalen Namen «Vorübergehend Olympische Verbände» (VOV) gegeben, um Fördermittel zu erhalten. Ohne Verbandsstruktur kein Geld. Aktuell gibt der Bund drei Millionen Euro als temporäre Förderung für die VOV. Die Ausnahme ist der Alpenverein, der mit 1,3 Millionen Mitgliedern als solvent genug eingestuft wird.

Trotz aller Probleme, der vagen Perspektive und der ungewissen sportlichen Erfolgschancen unterstützt der Dachverband die Entwicklung von neuen olympischen Sportarten und ihre Entwicklung. «Grundlage für den DOSB ist, die Vielfalt des Sports im Blick zu haben», erklärt Verbandsberaterin Barbara Lischka.

Deshalb würden die vorübergehend olympischen Verbände gefördert, auch wenn die Aussichten auf Finalplätze und Medaillen zunächst nicht absehbar seien. Mit Snowboard, das seit 1998 zum Winterspiele-Programm gehört, hat es mit sieben deutschen Medaillengewinnen bis 2022 gut funktioniert.

Die Rotation und der Austausch von olympischen Sportarten wird weitergehen, damit das Premiumprodukt des Weltsports zeitgemäß bleibt und um Ausrichterstädten die Möglichkeit zu geben, Lieblingssportarten ihres Landes ins Programm zu holen. Im August 2022 hatte das IOC bekannt gegeben, dass neun Sportarten bei einer Präsentation um die Aufnahme ins Programm der Spiele für 2028 in Los Angeles geworben haben. Dazu zählten Cricket, Flag Football (Variante des American Football), Kickboxen, Lacrosse oder Motorsport (E-Kart). 

Teilnehmerzahl darf nicht überschritten werden

Eine IOC-Prämisse für die Aufnahme ist: Die Teilnehmerzahl bei Olympia von 10.500 Athleten und Athletinnen darf nicht überschritten werden – andere Sportarten oder -disziplinen stehen so mehr auf dem Prüfstand. Bisher sind Boxen, Gewichtheben und Moderner Fünfkampf nicht ins olympische Programm für 2028 aufgenommen worden. Die Entscheidung über den Verbleib dieser drei etablierten, aber in der Kritik stehenden Weltverbände und über neue Sportarten wird auf der IOC-Session vom 15. bis 17. Oktober in Mumbai getroffen.

Hilft die Aufnahme einer Sportart ins olympische Programm nur dem IOC oder auch der Sportart selbst, für Aufwind im Land zu sorgen? «Die Trainingsmöglichkeiten in Deutschland haben sich verbessert, aber sind nicht gut», urteilt Ausnahme-Skaterin Stoephasius. Skateboarder würde inzwischen zwar immerhin als Sportart betrachtet, aber ein «Skateboard-Paradies» sei Deutschland deshalb noch lange nicht geworden.

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