Sonntag, Juli 14, 2024
Transgender-Schwimmerin Lia Thomas aus den USA. Foto: John Bazemore/AP/dpa

Schwimm-Weltcup: Keine Wettbewerbe in «offener Kategorie»

Berlin (dpa) – Die Premiere einer als Revolution gefeierten Idee fällt ins Wasser. Beim Schwimm-Weltcup in Berlin an diesem Wochenende wird es keine «offene Kategorie» geben, in der Transfrauen und -männer hätten starten dürfen. Der Weltverband World Aquatics zog diese Kategorie aus dem Programm für Berlin zurück, weil es bis zum Meldeschluss am 30. September keine Anmeldungen gegeben hatte.

Dies ist ein sichtbares Zeichen dafür, in welchem Dilemma nationale und internationale Verbände stecken. «Leistungssport und Inklusion schließen sich aus», sagt Conny-Hendrik Schälicke von der Arbeitsgruppe Sport im Bundesverband Trans*.

Noch Mitte August hatte World Aquatics zu seiner Weltneuheit verkündet: «Dieses bahnbrechende Pilotprojekt unterstreicht das Engagement der Organisation für Inklusion, die Schwimmer aller Geschlechter und Geschlechtsidentitäten willkommen heißt.» Die «offene Kategorie» sollte ihr Debüt mit 50- und 100-Meter-Rennen in allen Schwimmarten geben. Weitere Wettbewerbe könnten hinzugefügt werden, hieß es.

Ausschluss von Lia Thomas

Ausgangspunkt der hektischen Betriebsamkeit war der Ausschluss der amerikanischen Transschwimmerin Lia Thomas von internationalen Wettbewerben, nachdem sie bei College-Meisterschaften 2022 für Furore bei den Frauen gesorgt hatte. Zwei Jahre lang hatte sie sich einer Geschlechtsanpassung unterzogen. World Aquatics wurde für den Ausschluss kritisiert und musste handeln. In der Kürze der Zeit konnte aber kein bis ins letzte Detail durchdachtes Konzept entstehen.

Die Inklusion nicht-binärer Menschen im Sport hält Schälicke grundsätzlich für möglich: «Das ist im Breitensport schon angekommen. Die großen Marathons in den USA haben neben der männlichen und weiblichen eine nicht-binäre Startklasse. Da gibt es schon große Fortschritte.» Ein Problem aber bleibe, «solange Transsportlerinnen oder intergeschlechtliche Frauen ausgeschlossen bleiben oder in eine offene Klasse gezwungen werden. Das ist nicht fair».

Noch weiter geht der Lesben- und Schwulenverband (LSVD). «Uns verwundert es, dass die Schaffung einer Sonderkategorie beim kommenden Schwimm-Weltcup in Berlin als Inklusionserfolg verkauft wird. Der Versuch, trans* Personen in eine eigene bzw. offene Kategorie zu zwingen, ist dabei ein Rückschritt im Kampf für die Akzeptanz und Gleichberechtigung von trans* Personen», erklärte Mara Geri vom LSVD-Bundesvorstand nach Bekanntwerden der Vorhaben von World Aquatics in einer schriftlichen Stellungnahme.

Auch sei es völlig zu kurz gegriffen, die reine Geschlechtlichkeit als einzige Kategorie in Schwimm-Wettkämpfen heranzuziehen. Selbst bei den Männern gebe es Sportler, die über ihre Körpergröße oder Armlänge im Vergleich zu anderen Sportlern einen Vorteil hätten, hieß es vom LSVD. Darüber hinaus gebe es noch andere Merkmale, die entscheidend sind. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, Männer oder Frauen auszuschließen, weil sie beispielsweise ein größeres Lungenvolumen oder einen geringeren Wasserwiderstand aufgrund ihres Körpers hätten.

Hochsensible Problematik

Doch wie geht es nun weiter im Umgang mit dieser hochsensiblen Problematik? Schälicke sieht die «offenen Kategorien» schon als einen Ansatzpunkt, sie nennt die Fortschritte im Fußball-Nachwuchsbereich, wo Mädchen und Jungen bis zu einem bestimmten Alter gemeinsam in Mannschaften spielen, als gutes Beispiel.

World Aquatics will prüfen, auch in Zukunft Wettkämpfe der «offenen Kategorie» bei Masters-Veranstaltungen aufzunehmen. Vorerst scheint das Thema für den Weltverband aber erst einmal vom Tisch zu sein. «Wir bedauern es sehr, dass die Initiative von World Aquatics augenscheinlich keinen Anklang gefunden hat. Umso wichtiger ist es jetzt, aktiv Ursachenforschung zu betreiben, zuzuhören und zu lernen, um funktionierende Ideen für zukünftige Projekte zu entwickeln», sagt Kai Morgenroth, Vizepräsident des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV).

Laut Schälicke ist Inklusion im Leistungssport allerdings gar nicht vollumfänglich möglich. Inklusion bedeute Miteinbezogensein und Dazugehörigkeit. «Wenn es um Medaillen und Platzierungen geht, werden Transsportlerinnen und -sportler in «offenen Kategorien» immer benachteiligt sein. Da gibt es derzeit keine faire Regelung», meint Schälicke.

Teilweise verschärfte Regeln

Die Suche danach dauert also an – nicht nur im Schwimmen. Der Leichtathletik-Weltverband World Athletics, bei dem es immer wieder Debatten um die südafrikanische Läuferin Caster Semenya gibt, hat diesbezüglich die Zusammensetzung und Leitung einer Arbeitsgruppe genehmigt. Diese «wird im Laufe dieses Jahres zusammentreten, um sich auf ein Mandat und einen Arbeitsumfang zu einigen, der in einem Bericht an den Rat im August 2024 gipfeln wird. Es obliegt dieser Arbeitsgruppe, im Rahmen ihrer Arbeit zu entscheiden, ob sie dem Rat Vorschläge zu einer «offenen» Kategorie geben möchte», hieß es bei World Athletics auf Anfrage.

Andere internationale Sportverbände haben ihre Regeln noch verschärft. Der Radsport-Weltverband UCI hat alle Transsportlerinnen ausgeschlossen, die die männliche Pubertät durchlaufen haben. Der Schach-Weltverband Fide geht ähnlich strikt mit Transsportlerinnen um. Sie müssen eine Überprüfung durchlaufen, die bis zu zwei Jahre dauern kann.

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